Tobias Zielony
Overshoot-9 (Diana)
2024
C-Print
80 x 64 cm

Overshoot

Opening
21 May 2026, 6–9 pm
 

DE

Der englische Begriff Overshoot kann im Deutschen zahlreiche Bedeutungen haben: Überlauf, Überschreitung, Verschuss, Schwingung, Überschwingen, Nachschwingen. In diesem Sinne ist die gleichnamige Arbeit eine kontinuierlich sich ausweitende visuelle Suchbewegung, die zwischen Nähe und Distanz, Hell und Dunkel, zwischen Kontrast und Weichheit hin und her springt. Dabei erzeugt sie eine tänzerische Spannung, die in den Bildern und zwischen ihnen nachschwingt.

Tobias Zielony hat den Begriff des Dokumentarischen für seine Arbeit immer abgelehnt. Er bewegt sich bewusst im Spannungsfeld zwischen dokumentarischer Fotografie und inszeniertem Bild. Ausgangspunkt für seine Projekte sind häufig reale soziale Milieus – Jugendliche in urbanen Randzonen, migrantische Communities oder marginalisierte Gruppen wie etwa Sexarbeiter:innen. Auf den ersten Blick knüpfen seine Arbeiten damit an eine fotografische Tradition an, die soziale Wirklichkeiten sichtbar machen will. Gleichzeitig unterläuft Zielony ganz bewusst zentrale Annahmen klassischer Dokumentarfotografie, insbesondere den Anspruch auf Objektivität und unmittelbare Zeugenschaft. Oftmals im Dialog mit den Porträtierten werden Situationen gemeinsam entwickelt, Posen eingenommen, Szenen inszeniert. Das führt zu einer Form des „performativen Dokumentarischen“: Die Fotografien spiegeln nicht eine vorgefundene Realität, sondern machen sichtbar, wie diese Realität im Bild erst hervorgebracht wird.
Zielonys Bilder bewegen sich zwischen Intimität und Künstlichkeit. Häufig erinnern Lichtführung, Farbigkeit und Komposition eher an Spielfilme oder Fashionshoots als an klassische Reportagefotografie. Gerade dadurch wird deutlich, dass dokumentarische Bilder auch von ästhetischen und kulturellen Codes geprägt sind.

Tobias Zielony interessiert sich für Räume, die von unterschiedlichen historischen, sozialen und medialen Schichten durchzogen sind. Für sein Projekt Overshoot kehrte er nach Neapel zurück, wo er bereits 2009/10 die Vele di Scampia fotografiert hatte. Diesmal richtet er seinen Blick auf die futuristischen Bauten des neapolitanischen Architekten Aldo Loris Rossi. Zielonys Fotografien machen nicht nur die Architektur, sondern auch das „Nachschwingen“ ihrer sozialen und politischen Entwürfe sichtbar. Im Zentrum der Arbeit steht die Wohnsiedlung „Piazza Grande“, die heute nach dem Gebiet „Ponti Rossi“ genannt wird. Der gewaltige runde Betonbau wurde 1979 fertiggestellt. Mit seinen Wohnblockreihen und der riesigen Innenfläche wirkt er wie eine Stadt in der Stadt. Es scheint, als hätte sich Rossi bei seinem Entwurf von den Tulou (Rundhäusern) der Hakka im chinesischen Fujian inspirieren lassen. Ein zweiter Ort ist das heute leerstehende „Casa del Portuale“ am Hafen von Neapel. Rossi hatte es ursprünglich als Sitz der Gewerkschaft der Hafenarbeiter konzipiert.

Die expressive, futuristische Form des Gebäudes wirkt aus der Zeit gefallen; es erscheint als Überbleibsel einer anderen politischen und architektonischen Vorstellung von Selbstorganisation und Zusammenhalt unter Arbeiter*innen.

Die Videoarbeit Overshoot (2024) wird als Loop in Verbindung mit den Fotografien im Ausstellungsraum gezeigt. In ihrer an Trickfilmästhetik erinnernde Stop-Motion-Machart entwickelt das Video eine fast irreal wirkende Bildsprache: Lichtempfindliche Nachtaufnahmen lassen die weißen Gebäude der Piazza Grande und des Casa del Portuale vor dem dunklen Himmel wie Gipsmodelle oder Traumbilder erscheinen, die aufflackern und in Verwandlung begriffen sind. Auch die Menschen selbst werden sichtbar – in nahen Porträts und Momenten beobachtender Begleitung, die immer wieder von distanzierteren Einstellungen abgelöst werden. Der Fokus liegt verstärkt auf architektonischen Details und den Oberflächen des Betons. Durch die kreisende Kamerabewegung und den Wechsel zwischen Nah- und Distanzaufnahmen beginnen die Grenzen zwischen Architektur, Oberfläche und Umgebung zu verschwimmen. Auffällig ist die Durchlässigkeit zwischen Interieur und Außenraum: einige Aufnahmen öffnen den Blick in private Bereiche der Wohnanlage: Gerahmte Familienfotografien an Betonwänden, Interieurs und beiläufige Szenen des Alltags lösen die Grenze zwischen Innen- und Außen auf. Diese Aufnahmen entstanden in einer Wohnung in der Piazza Grande, zu der Zielony im Laufe des Projekts Zugang bekam. Diese diente als Drehort für die 5. Staffel der Fernsehserie „Gomorrha“, wofür die vielköpfige Familie temporär auszog. Für die Dreharbeiten wurde das Interieur umfassend umgestaltet – hin zu einer überzeichnet neureichen Ästhetik, die bestimmten medialen Vorstellungen von Reichtum und Macht entspricht. Nach Abschluss der Produktion kehrte die Familie zurück, ohne dass das filmische Set vollständig zurückgebaut wurde. Stattdessen überlagern sich nun zwei Ordnungen: die verbliebenen Elemente der inszenierten Filmarchitektur und die wieder eingefügten Gegenstände des alltäglichen Lebens. Zielony fasziniert genau dieser Zustand – eine Art Palimpsest-Wohnung, in der sich Fiktion und Realität, Repräsentation und gelebter Alltag unauflösbar verschränken.

Das Dokumentarische liegt bei Overshoot in einer doppelten Bewegung: Zielony folgt den Formen, Linien und symbolischen Setzungen der Architektur, aber auch den Menschen, die sich in diesen Räumen bewegen. So macht er ersichtlich, wie diese gemeinhin als „gescheitert“ betrachteten Architekturen weiterleben: Sie werden bewohnt, benutzt, umgedeutet und überformt. Im Videoschnitt kommt eine bildreflexive Ebene hinzu – analoge Fotografien (Motive, die auch als gerahmte Prints in der Ausstellung gezeigt werden) sind als Störfaktoren in den Fluss der Videobilder eingestreut. Deren kurzes Aufflackern liest sich wie die zögerliche Frage danach, was das Einzelbild im Strom der Bilder aussagen kann. „Overshoot“ lässt sich vor diesem Hintergrund als Untersuchung von Überlagerung und Überschuss lesen – nicht nur im ökologischen oder ökonomischen Sinn, sondern vor allem im Bildlichen. Realität erscheint hier nicht als stabile Referenz, sondern als etwas, das durch mediale Bilder, Narrative und Eingriffe überschrieben wird. Zielony macht diese Einschreibungen sichtbar, ohne sie auf eine eindeutige Lesart festzulegen.

Das Scheitern des Fotografischen als Wirklichkeitsbezug ist in seiner Praxis stets inbegriffen. So viele Bilder wir auch machen, es werden nie genug sein. Die Arbeit ist in diesem Sinne auch ein Beharren darauf, „trotzdem weiterzumachen“ – es gibt keine andere Wahl.

Text: Anna Voswinckel