Olaf Metzel
Kein Kommentar (Detail)
2013
Aluminium, stainless steel, digital print
240 × 230 × 55 cm

Foto: Leonie Felle

Kein Kommentar

Opening
01 Nov 2013, 6 – 9 pm
 

DE

Seit 2010 arbeitet Olaf Metzel an Wandskulpturen aus beidseitig bedruckten Aluminiumplatten, die er manuell verformt, sodass sie im Resultat wie überdimensionierte Zeitungsknäuel aussehen. Als Druckvorlagen dienen Artikel aus Zeitungen, Magazinen und Büchern, die ein Themenspektrum von Kunst und Kultur, über Politik und Sport bis Popmusik abdecken. Häufig sind es medial viel diskutierte und gesellschaftlich relevante Themen, welche die Medienlandschaft eine Zeit lang beherrscht haben; beispielsweise die Unruhen und Proteste in der Türkei, die Tristesse der urbanen Wohnsituation Berliner Plattenbausiedlungen oder der Kunstfälscherskandal um Werner Spieß. Andere der Wandskulpturen fungieren als mediale Porträts berühmter Persönlichkeiten sowohl der Populär- und Unterhaltungsindustrie als auch des Kulturbetriebs: Amy Winehouse, Jimi Hendrix, der Rennfahrer Jochen Rindt, Susan Sontag, Gottfried Benn oder Rainer Werner Fassbinder wurden so schon porträtiert.[1]

Die aktuelle Ausstellung präsentiert fünf neue Wandskulpturen, die aus gegebenem Anlass Hamburger Themen aufgreifen. Um historische und aktuelle Stadtentwicklung kreisen beispielsweise die beiden Werke Kein Kommentar und Hafenstraße. Während ersteres das Skandalprojekt der seit 2007 nach Plänen des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron in Bau befindlichen Elbphilharmonie in der Hafencity aufgreift, rekurriert letzteres auf die Proteste auf der Hafenstraße in den späten 80er Jahren: Auf der Reproduktion eines bebilderten Artikels aus dem Hamburger Abendblatt vom 13. November 1987 erkennt man die Straßenbarrikaden der militanten Hausbesetzer, die sich auf diese Weise gegen einen Beschluss des Hamburger Senats zur Wehr setzten, der darauf zielte, eine vertragliche Lösung des Konflikts zu finden. Metzels Interesse an den Vorgängen ist dabei nicht nur thematisch begründet, sondern auch ästhetisch: die wie Festungswälle aus Latten, Müllcontainern, Autos und Paletten quer über die Straße verlaufenden Materialanhäufungen zeigen einerseits ein Bild der Verwüstung und des Vandalismus, des zeitgenössischen Protests und zivilen Ungehorsams, andererseits ein kunsthistorisch geprägtes, beispielsweise durch Delacroix’ berühmtes Gemälde, auf dem die personifizierte Freiheit über einen Wall aus leblosen Leibern und Holzplanken schreitet. Und spätestens mit den Materialassemblagen- und akkumulationen der 60er Jahre steht diese Ästhetik auch für einen erweiterten Skulpturbegriff. Eben jene bildhauerische Qualität der Barrikaden auf der Hafenstraße veranlasste Metzel bereits zeitnah zu seiner informellen Arbeit Wurfeisen und Zwille (Entwurf Hafenstraße), eine Anhäufung der maßstabvergrößerten und abstrahierten Waffen aus Gusseisen, Stahl und Gummi. Sie war Bestandteil seiner ersten Ausstellung in der Produzentengalerie Hamburg 1990 und befindet sich heute in der Sammlung der Hamburger Kunsthalle.

Weitere Skulpturen der aktuellen Ausstellung knüpfen nicht nur an Hamburger Themen an, sondern auch an die bestehende Porträtserie. Eine Arbeit ist dem Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg gewidmet, der heutzutage zu einer Art Kultfigur des Kunstbetriebs aufgestiegen ist, was zahlreiche Ausstellungen im internationalen Kontext bezeugen. Seine anhand fotografischer Reproduktionen überlieferten Bildertafeln, die auf Metzels Wandskulptur zu sehen sind, bezeichnete der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich kürzlich als „Essays, welche die Suchbewegungen eines Metaphysikers, der zum Urgrund der Bilder strebte, dokumentieren“ (Zeit, 18.01.13). Für Metzel scheinen sie gleichsam Bildmaterial wie alles andere zu sein, das er für seine Skulpturen pragmatisch in bildhauerisches Material umwandelt: in scheinbar ironischer Geste fern von jeglicher Verehrung zerknüllt er auch Warburgs Bildertafeln. Ähnlich geht er mit Samuel Beckett um, den zwei weitere Skulpturen aufrufen. 1936 hielt sich der Schriftsteller während einer Deutschlandreise eine Zeit lang in der Hansestadt auf, wo er sich für die Kunstsammlung der Hamburger Kunsthalle interessierte und zu Studienzwecken darum bat, Werke aus dem Depot sehen zu dürfen. Von dieser Korrespondenz zeugen Briefe im Archiv der Kunsthalle, Dokumente, die Metzel gleichsam bearbeitete, während sie von Historikern üblicherweise wie Schätze gehütet werden – kein Akt der Geringschätzung oder ironischen Distanzierung, sondern vielmehr der persönlichen Aneignung.

Ein älteres Beispiel abstrakter Porträtkunst ist Metzels Skulptur Flechtheim, die 2001 entstand und sich dem gleichnamigen legendären jüdischen Kunsthändler- und sammler, einem der wichtigsten Förderer avantgardistischer Kunst in der Weimarer Republik, widmet. Von der Skulptur, bestehend aus bunten ineinander verflochtenen Plexiglasstreifen, zeugt in der Ausstellung eine Serie skizzenhafter Collagen, die als Vorstudien den Ideenfindungsprozess dokumentieren. Ausgangspunkt für Metzels Annäherung an die historische Figur war ein Foto von Flechtheims Berliner Wohnung, auf das er im Zuge seiner Recherchen gestoßen war. An den Wänden zeigte die Aufnahme eine aufwendig geflochtene Tapete, darauf installiert Werke der Moderne. Dieses Detail, die besondere Beschaffenheit einer Oberfläche, wurde zum abstrakten Stellvertreter und Charakteristikum. Die Vorgehensweise ist bezeichnend für Metzel, der auch in anderen Arbeiten die Ornamentik strukturierter Oberflächen, beispielsweise das Lochmuster an den Decken langer Verwaltungsgänge, wie aktuell anhand der Arbeit Sozialtapete im Hamburger Kunstverein zu sehen, aufgreift und als bildhauerisches Gestaltungsmoment verwendet.

Die Ausstellung Kein Kommentar zeugt einerseits von Metzels persönlicher Bindung zur Hansestadt, andererseits von seiner seit den 80er Jahren andauernden Auseinandersetzung mit dem eigenen Medium und dessen Grenzen bzw. Erweiterungsmöglichkeiten. Bildhauerische Gesten, die – wie auch die Themen – aus dem Alltag entlehnt sind, können, wenn letzterer gerade kein politischer ist, auch das Ausdrücken der Zahnpasta-Tube oder das Zerknüllen der Zeitung sein. Manche stapeln diese sorgfältig, bevor sie ins Altpapier wandert, andere zerknüllen sie und werfen sie ins Eck. Metzel wiederum bleibt am Anblick des Papierknäuels hängen, hebt ihn wieder auf und pinnt ihn zu Studienzwecken an die Wand über dem Arbeitstisch.

Sabine Weingartner

[1] Siehe Olaf Metzel. Kaffee, Zeitung, Zigaretten, Kat. Kunstverein Heilbronn, Köln: Snoeck 2013.

 

ENG

Since 2010, Olaf Metzel has worked on wall-based sculptures made from double-sided, printed aluminium sheets, which he manually distorts so that they appear as oversized balls of discarded newspaper. Articles from papers, magazines and books, across the spectrum of themes, from art and culture, through politics and sport, to popular music, are used as the source material for the sheets. Often, the themes are those heavily discussed in the media and relevant to society, those that have dominated the media landscape for a time. Examples might be the civil unrest and protests in Turkey, the tristesse of the urban housing situation in the Berlin prefab estates, or the art forgery scandal centering around Werner Spieß. Other wall-based sculptures function as media portraits of famous personalities both from the pop and entertainment industries, as well as the cultural scene: Amy Winehouse, Jimi Hendrix, the racing driver Jochen Rindt, Susan Sontag, Gottfried Benn and Rainer Werner Fassbinder have all been the subjects of such portraits.[1]

The current exhibition presents five new wall-based sculptures in which Metzel took the opportunity of dealing with Hamburg related themes. The two works Kein Kommentar and Hafenstraße revolve, for example, around historical and current themes of the city’s development. The first focuses on the ‚Skandalprojekt‘ of the Elbphilharmonie building in the port city, under construction since 2007 following plans drawn up by the Basel based architecture firm of Herzog & de Meuron. The latter refers to the protests on Hafenstraße in the late 1980s: The street barricades of the militant squatters can be seen in the reproduction of an illustrated article from the Hamburger Abendblatt newspaper of 13th November 1987. The squatters used these means to fight against a decision of the Hamburg Senat, aimed at finding a contractual solution to the conflict. Metzel’s interest in the process is not purely thematic, but also one of aesthetics: Like ramparts the mass of material, comprising lengths of wood, garbage bins, cars, and pallets, lies across the street. The images show, from one perspective, a picture of the desolation and vandalism of contemporary protest and civil disobedience. From another, they are loaded with art historical significance, for example, through Delacroix’ famous painting, in which the personified Freedom strides over ramparts of lifeless bodies and beams of wood. And lastly, following the material assemblages and accumulations of the 1960s, this aesthetic can also be read as an extended concept of sculpture. This sculptural quality of the barricades on Hafenstraße has long-held significance for Metzel. It led him, as far back as 1990, to make his ‚informel‘ work Wurfeisen und Zwille (Entwurf Hafenstraße), an aggregation of the scaled-up and abstracted weapons constructed from cast iron, steel, and rubber. It formed part of his first exhibition at Produzentengalerie Hamburg in the same year, and is now part of the collection of Hamburger Kunsthalle.

Other sculptures from the current exhibition link not only to Hamburg related themes, but also to the existing series of portraits. One work is dedicated to the city’s renowned art historian Aby Warburg, who today has become something of a cult figure for the art scene, as shown by numerous projects in the international context. His surviving plates, which can be seen on Metzel’s wall sculpture by way of photographic reproductions, were recently described by the art historian Wolfgang Ullrich as ‚Essays, which document the searchings of a metaphysicist, who strives to find the origin of the image.‘ (Zeit, 18.01.13). For Metzel, these are images like any other, which he pragmatically translates via the materials of sculpture: With seemingly ironic gestures, far removed from all veneration, he crumples up Warburg’s plates. He does similar to the words of Samuel Beckett, to whom two further sculptures allude. In 1936, during a trip to Germany, the writer stayed in the Hanseatic city, where he became interested in the art collection of the Hamburger Kunsthalle, requesting, for study purposes, to see works from the museum’s storage. Letters from the archives of the Kunsthalle bear testimony to this correspondence, documents to which Metzel applies the same working process, whereas historians characteristically horde them as treasure. He does this, not an act of contempt or ironic distancing, but rather, as an act of personal appropriation.

An earlier example of abstract portrait art is Metzel’s sculpture Flechtheim, from 2001. Devoted to the legendary Jewish art dealer and collector of the same name, who was one of the most important promoters of avantgarde art in the Weimar Republic, the sculpture is constructed from colorful, interlacing strips of perspex. In the exhibition are a series of sketched collages that served as preliminary studies and document the process of the working through of ideas. Metzel’s point of departure for approaching the historical figure was a photograph of Flechtheim’s Berlin apartment which he came across in the process of his research. On the walls, the shot shows an elaborate flocked wallpaper, on which works of Modern Art are installed. This detail – the particular texture of a surface – becomes the abstracted proxy for the subject. The process is representative of Metzel’s practice. He also makes reference to ornamentally structured surfaces in other works, for example in the perforated patterning on the ceilings of long administrative corridors, which led to the conception of the piece Sozialtapete, currently on show at Hamburg Kunstverein.

The exhibition Kein Kommentar speaks, on the one hand, of Metzel’s personal attachment to the Hanseatic city. On the other, it tells of what has been, since the 1980s, his ongoing engagement with his medium and its limits, and with the possibilities for taking these further. Sculptural gestures, which, as with the themes, are borrowed from the everyday, can be, particularly if the everyday is not political, the squeezing of a tube of toothpaste or the scrunching up of a newspaper. Some people stack yesterday’s papers with care before taking them for recycling. Others screw them up and toss them in the corner. Metzel, however, is struck by the sight of the ball of paper. He picks it up and pins it, for study purposes, on the wall above the desk.

Sabine Weingartner (translated by Duncan Swann)

 

 

[1]            See Olaf Metzel. Kaffee, Zeitung, Zigaretten, cat. Kunstverein Heilbronn, Cologne: Snoeck 2013.