Exhibition view lines squares and cubes Produzentengalerie Hamburg, 2007

lines, squares and cubes

Opening
21 Mar 2007, 6 – 9 pm
 

26.04.2007, 7 pm
Vorführung von Hans Richter rythmus 21 (1921) und filmstudie (1926). Kommentiert in englischer Sprache von Mark J. Edwards (University College, London).

Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat (1913) ist ‚eine ungerahmte Ikone seiner Zeit‘ (Malewitsch); einer revolutionären Zeit in Kunst und Gesellschaft. Die Kunst sollte nicht länger aus einer Abstraktion von der Realität konstruiert werden, sondern stattdessen versuchte man eine vollständige Erneuerung der Kunst und der Realität aus der Abstraktion. Bis zum 10. Juni ist Malewitschs Ikone, gemeinsam mit weiteren Arbeiten Malewitschs und künstlerischen Referenzen auf sie in der Hamburger Kunsthalle zu sehen, doch heute hat sich ihre Ikonenhaftigkeit verwandelt. Malewitschs suprematistische Experimente sind zu formalen Ausgangspositionen von Lines, Squares and Cubes geworden, von künstlerischen Versuchen einen Raum aus der Linie zu bestimmen und damit die Abstraktion zum Ausgangspunkt einer Positionierung künstlerischer Produktion im Alltag des 21. Jahrhunderts zu machen.

In der Produzentengalerie Hamburg werden vom 22. März bis zum 20. Mai vierzehn Arbeiten, die zwischen 1978 und 2007 entstanden sind, gruppiert um zwei kompositorische Studien Malewitschs. Diese beiden Bleistiftzeichnungen, datiert zwischen 1914 und 1915, definieren in wenigen Strichen und Flächen den Raum in dem sie stehen und das Blatt das sie beschreiben.

Die Wortvitrinen der walisischen Künstlerin Bethan Huws greifen die modernistische Formsprache in ihrer spätmodernen Erstarrung auf und komprimieren sie auf ihre grafischen Grundlagen. Ihre Wandarbeiten, Amtsvitrinen im Format klassischer Portraits, ähneln in Grösse und Strenge den Zeichnungen Malewitschs, doch gewinnen sie durch dieses dem Angestelltenalltag entnommene Medium einen ironischen Impuls. Auch die Arbeiten Katja Strunz’ beziehen sich ganz direkt auf die künstlerischen Konstruktionen der russischen Avantgarde der 1910er und 20er Jahre. Strunz jedoch befreit die malerischen Experimente in den Raum, in Skulpturen, die sich spielerisch auf der Wand (ent)falten. Wo Strunz Malewitschs Konstruktionen aus dem unendlichen Raum der Leinwand in denjenigen des Raums vor der Leinwand verlegt, gruppiert sie der britische Designer Peter Saville zu einer grafischen Gruppe. Seine Anordnung von Zylindern, Kuben und Kugeln, hier als Chromalin seines Coverentwurfs für die 1982 erschienene erste LP der britischen Post-Punk Band China Crisis Difficult Shapes & Passive Rythms zu sehen, fügt sich zu einer Designlandschaft, einer unbelebten Stilikonografie, getaucht in das schimmernde blaugrüne Licht der frühen 1980er Jahre. Wo Saville an Joy Division und die Factory Records erinnert, beziehen sich Markus Amms Luminogramme auf einen eher experimentellen Umgang mit der formalen Strenge. Er deutet in seinen Arbeiten mit den klassischen Mitteln der Avantgarde auf deren eigene Auflösungserscheinungen. Gleich Laszlo Moholy-Nagy am Weimarer Bauhaus, versucht sich auch Amm in photografischen Experimenten, in denen jedoch die damals scharfkantige Konstruktion historisch undeutlich wird. Den deutlichsten Schnitt aus der avantgardistischen Form in die Übernahme seiner Strukturen durch das zeitgleich entstehende Medium Design vollbringt Nicole Wermers. Ihre Metallskulpturen, hier in der Ausstellung, die Arbeit Kusine, bewegen sich mit ihren häufig scheinbar funktionalen Formen stetig an der Grenze von Kunst und Design. Die Kusine, eine 3,5 Meter hohe Metallskulptur, wird gehalten von einem quadratischen Betonsockel, der sie und den Raum um sie herum fixiert. In ihm steckt eine Form, deren geschwungenes Blech eher an Constantin Brancusi erinnert als an Malewitsch, eher an die frühen Bauernfiguren des ukrainische Malers, als an seine suprematistischen Experimente. In klarer Farbe und Form durchschneidet die schlanke Skulptur den Raum. Ihre Arbeit und die frühe grafische Edition Isa Genzkens, der diesjährigen Künstlerin des deutschen Pavillons der Venedig Biennale, sind die einzigen, die in der Ausstellung Malewitsch nicht als formale Vorlage zitieren, sondern  als Verfahrensweise, dem grafischen Zugang zum Objekt.

Gregor Schneider, dessen Cube Hamburg Projekt derzeit an der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, nimmt demgegenüber eine radikale historisch Neukontextualisierung der suprematistischen Vorlage vor. In der Produzentengalerie Hamburg ist er mit drei Vorarbeiten zu seinem Cube vertreten: das kleine Modell des schwarze Kubus übernimmt die Schärfe der avantgardistischen Vorfahren, nicht jedoch um an sie formalistisch anzuschliessen, sondern um dieser Strenge eine geografisch und gesellschaftlich neue Bedeutung zukommen zu lassen: die Erinnerung an ein zentrales islamisches Heiligtum, die Kaaba in Mekka, einem der ältesten sakralen Gebäude der Welt. Die beiden fotografischen Arbeiten Schneiders zeigen Montagen verhinderter Realisierungen des Projektes in Venedig und Berlin. Die Form passt sich nicht ihrer Umwelt an. Manfred Pernices kleinformatige Edition Verkranzl. 0203 fügt sich in ihre Umgebung ein. Sie wirkt zunächst wie eine Verpackung, eine Hülle die sich erst bei näherer Betrachtung als Zentrum der Aufmerksamkeit entpuppt. Gisella Bullachers Arbeiten verfahren ähnlich wie die von Pernice. Auch sie schliesst den Alltag in die Strenge der Form ein, doch hier wiederholt sie Malewitschs Abstraktion als Konkretion, als Form des Alltags selbst. Diese Fragen der Konfrontation Umwelt mit der Abstraktion waren bereits für Malewitsch Ausgangspunkt. Doch wo dieser hoffnungsvoll in die revolutionäre Zukunft blickte, wird in Samuel Becketts Quadrat aus dem Jahr 1981 die Bewegung der Menschen auf einen minimalen Raum verlegt, zurückbezogen auf das Quadrat als einfachste Form und hier als Endpunkt des für Beckett unauflösbar beschädigten Lebens. Lines, Squares and Cubes verfolgt unterschiedliche Wege aus der suprematistischen Formulierung der Moderne, keine von Ihnen versucht Malewitschs revolutionäre Ernsthaftigkeit zu imitieren, doch was nicht verloren ging ist die Ernsthaftigkeit mit der die Frage der Konstruktion weiterverfolgt wurde. Auch heute stellt sich noch die Frage nach dem Ausgangspunkt der Konstruktion.

Text: Kerstin Stakemeier